Dienstag, 22. April 2014

Zur Geschichte des Richtfunknetzes der SED - Teil 1


Zur Geschichte des Richtfunknetzes der SEDTeil 1

Im folgenden Textteil zur Geschichte der Richtfunknetzes der SED bis zum Jahre 1964 sind Erinnerungen an Gespräche mit Mitarbeitern verarbeitet worden.
Ab dem Jahre 1964 beruht der Textteil auf eigenen Erinnerungen.
Im Text geht es nicht darum, ob und wieviel RVG 903 oder RVG 934 im RFN der SED eingesetzt waren, nicht um die Beschreibung des Geschehens, sondern um das Verständnis des Geschehens, um die Beweggründe.
Die Ereignisse des 17.Juni 1953 waren ein Einschnitt in der Geschichte der DDR, aber noch mehr in der Geschichte und im Selbstverständnis der SED.
Es ist nicht Gegenstand dieses Textes, auf Ereignisse im Einzeln einzugehen und auch nicht Absicht, Ereignisse zu bewerten, obwohl die Berechtigung als Zeitzeuge schon gegeben wäre.

'Ein 17.Juni 1953 darf sich nicht wiederholen', das war so etwa die letztliche Folgerung der politischen Führung nach dem 17.Juni 1953.
Nun ist so ein Satz sehr vieldeutig. Für den Parteiapparat war es der Anspruch, einer solchen Situation im Wiederholungsfalle gewachsen zu sein, die 'Führende Rolle als bewussten und organisierten Vortrupp der Arbeiterklasse' nie in Frage stellen zu lassen. Die Ereignisse des 17.Juni empfand die politische Führung wohl eher als eine Niederlage in ihrer Führungsrolle.

Offensichtlich sah die politische Führung eine der wichtigsten Ursachen dafür im Fehlen eines 'Führungssystems' und eines 'Informationssystems'.
Innerhalb einer relativ kurzen Zeit wurde deshalb ein internes Führungssystem aufgebaut und zwar in Form von Bezirks- und Kreiseinsatzleitungen, die dem ZK unterstellt waren. In den Einsatzleitungen waren alle staatlichen Organe vertreten. Im Staatsnotstand ging die staatliche Macht an die Einsatzleitungen über. An der Spitze des Führungssystems stand die Sicherheitskommission des ZK.
Dieses Führungssystem des Parteiapparates hatte die führende, weisende Rolle der Partei tatsächlich bis zur Kreisebene zu sichern.
Die Einsatzleitungen waren Institutionen des Parteiapparates der SED.
Auf die Erweiterungen des Führungssystems in den Folgejahren wird später - in einem eigenen Blog -  eingegangen, insbesondere auf die Wandlung in der Art, wie die führende Rolle der SED gesichert wurde.

Während der Ereignisse des 17.Juni 1953 hatten die mangelnden technischen Kommunikationsmöglichkeiten des Parteiapparates den notwendigen Informationsaustausch und Reaktionen zumindest erschwert wenn nicht sogar verhindert.
Deshalb wurde zeitgleich innerhalb kurzer Zeit und in mehreren Etappen begonnen, ein unabhängiges, gesichertes Nachrichtennetz der SED für dieses Führungssystem der Einsatzleitungen, eben das Richtfunknetz der SED, aufzubauen. Ein unabhängiges, nichtöffentliches Netz mit Richtfunkverbindungen als Übertragungseinrichtungen hatte einige Vorteile, auf die hier nicht eingegangen wird.

Die Institutionen des Parteiapparates waren vor dem Aufbau des eigenen Netzes beim Informationsaustausch völlig auf das öffentliche Fernsprechnetz angewiesen gewesen. Dieses öffentliche Fernsprechnetz stützte sich auf Ortsvermittlungsstellen (OVStn).
Fernsprechverbindungen zwischen der Mehrzahl der Ortsvermittlungsstellen (OVStn), das heißt zwischen den Städten, waren bis auf wenige Ausnahmen nur über Vermittlungsplätze der Ortsvermittlungsstellen möglich.

Wollte ein Teilnehmer in einem Ort einen Teilnehmer in einem anderen Ort anrufen, so rief er den Vermittlungsplatz seiner Ortsvermittlungsstelle an, das allgemein bekannte Fernsprechamt.
Am Vermittlungsplatz saß das berühmte 'Fräulein vom Amt', nahm den Anruf und den Verbindungswunsch an, rief das Fernsprechamt des anderen Teilnehmers oder gleich den anderen Teilnehmer an und vermittelte die beiden Teilnehmer.

Für außergewöhnliche Situationen – Katastrophen, Krisen, Notständen etwa – war ein solches Verfahren im Verbindungsaufbau aus mehreren Gründen ungeeignet:
  1. Da die Anzahl der Fernsprechleitungen zwischen den Ortschaften begrenzt war, kam es sehr schnell zur Vollauslastung der Leitungen. Neue Verbindungen konnten nicht vermittelt werden.
  2. Eine Rangordnung oder Bedeutsamkeit des Verbindungswunsches war für die Vermittlungskraft nicht erkennbar, für sie waren alle Teilnehmer gleich wichtig.
  3. Zudem konnte die Vermittlungskraft eine bestehende Verbindung selbständig oder auf Weisung der Aufsicht trennen.
Neben dem öffentlichen Fernsprechnetz gab es bereits nichtöffentliche Netze, beispielsweise Netze der Energieversorgung, der Post, der Bahn (Basa), der Polizei.

Der Parteiapparat der SED als führende und organisierende Kraft verfügte dagegen  im Jahre 1953 über kein eigenes, nichtöffentliches und vom öffentlichen Fernsprechnetz unabhängiges Fernsprech- und Fernschreibnetz.

In der ersten Etappe des Aufbaus wurden die vorhandenen Fernsprechvermittlungen des Zentralkomitee und der Bezirksleitungen über Richtfunkverbindungen mit RVG 903 miteinander verbunden.

Dieses erste Netz von Richtfunkverbindungen wurde sehr bald durch ein eigenständiges und modernisiertes Richtfunknetz ersetzt.
Maßgeblich wurde das Vorhaben beeinflusst und auch geleitet durch Helmut Weihrauch.
In der schon bestehenden Fundament GmbH wurde für die Errichtung des Netzes die Abteilung Technologie geschaffen.

Es entstand ein Netz mit Richtfunkverbindungen als unabhängiges Übertragungsmedium, mit eigenen Vermittlungen in den Bezirksleitungen und mit eigenem Personal. 

Alle Richtfunkstellen waren in ein Bewachungs - und Sicherungssystem SZ 153 des Ministerium des Inneren (MdI) eingebunden. Die Bezirksrichtfunkzentralen wurden von Kräften der Volkspolizei unmittelbar bewacht.
Die nicht bewachten Richtfunkstellen waren mit technischen Mitteln eines Objektsicherungssystems gesichert. (Signaldrähte, Lichtschranken, Impulsspannungsanlagen)
Eine mögliche oder tatsächliche Bedrohung solcher technisch gesicherten Richtfunkstellen wurde im zuständigen Volkspolizeikreisamt (VPKA) signalisiert.
Im Verteidigungszustand sollten Einheiten der Kampfgruppen und der Bereitschaftspolizei die Sicherung der Richtfunkstellen übernehmen.

Der Aufbau des Richtfunknetzes der SED begann Anfang der fünfziger Jahre über mehrere Ausbaustufen.
Als im Jahre 1964 begonen wurdem das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee aufzubauen, war der Aufbau des Richtfunknetz der SED lange abgeschlossen.

Im Jahre 1964 verfügte das Richtfunknetz der SED über

  • mehr als 200 Richtfunkendstellen in den Kreisleitungen der SED
  • 14 Richtfunkendstellen in den Bezirksleitungen
  • 14 Bezirksrichtfunkzentralen
  • eine Vielzahl weiterer Richtfunkstellen

    In einem folgenden Beitrag wird das Richtfunknetz der SED im Einzelnen vorgestellt.