Mittwoch, 6. August 2014

Zur Geschichte des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee – Die Idee wird geboren


Zur Geschichte des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee – Die Idee wird geboren


Das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee war ein Fernmeldenetz vorrangig für die territorialen Stäbe wie Ministerium für Nationale Verteidigung (Hauptstab), Militärbezirke und Wehrkommandos.
Diese Stäbe waren Elemente im Führungssystem des Nationalen Verteidigungsrates, das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee demnach ein Kommunikationsmittel für dieses Führungssystem.
Einen Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates zum Aufbau des Netzes gab es nicht, jedoch einen Entschluss des Chef Nachrichten im Ministerium für Nationale Verteidigung.
Wie die Idee zum Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee zustande kam, davon handelt dieser Beitrag. Abweichend zum üblichen Stil ist der Beitrag etwas 'locker' gehalten.

Es waren einmal zwei Herren in den mittleren Jahren, so etwa um Mitte vierzig herum. Nennen wir die beiden Herren der Einfachheit halber Helmut und Georg.
Das Ganze spielte sich so etwa Anfang der sechziger Jahre herum ab.
Beide hatten ihre Probleme, der eine mehr, der andere weniger.
Helmut hatte ab Anfang der fünfziger Jahre beginnend und in mehreren Etappen ein unabhängiges Fernmeldenetz für den Parteiapparat der SED aus dem Boden gestampft. Das Fernmeldenetz nutzte Richtfunkverbindungen und wurde deshalb der Einfachheit halber 'Richtfunknetz der Partei' genannt. Helmut war auf dem Zenit seiner Laufbahn angekommen.
Helmut hatte mindestens ein Problem.
Das Fernmeldenetz bediente über zweihundert Kreisleitungen, vierzehn territoriale Bezirksleitungen und die Bezirksleitung der SDAG Wismut, die Druckereien der ZENTRAG und diverse Dienste wie den Rundspruch.
Es war ein mächtiges Werkzeug, aber auch teuer und nicht sonderlich effektiv.
Beispielsweise ermöglichten die Übertragungsstrecken zu den Kreisleitungen technisch gesehen den Anschluss von zwölf Fernsprechapparaten. Angeschlossen waren in jeder Kreisleitung ein Fernsprechapparat und ein Fernschreiber, in der Regel. Welch Vergeudung von Ressourcen!
Allein an Elektroenergie wurden für eine Fernsprechverbindung und eine Fernschreibverbindung in jeder Kreisleitung über drei Kilowatt eingesetzt und das rund um die Uhr! Bei über 200 Kreisleitungen wurden 1200 kW  Elektroenergie für etwas mehr als 200 Fernsprechverbindungen verbraucht.
Und das in einer Zeit, in der Stromabschaltungen für Haushalte und Industriebetriebe wegen Energiemangel üblich waren!
Dazu kam der personelle und technische Aufwand für die Wartung und Entstörung.
Nicht unbedingt wirtschaftlich waren auch die ungenutzten Stellflächen in Richtfunkstellen, in manchen waren komplette Etagen leer oder fast leer. Das wurmte einige im Parteiapparat.
Das alles kostete Geld und Geld und die Partei schaute sehr genau auf das Geld! Die monatlichen Parteibeiträge der Mitglieder stiegen jährlich und betrugen bis zu zehn Prozent des Monatseinkommens. Prämien, zusätzliche Einkommen wie Honorare, Ehrenpreise und Auszeichnungen wurden selbstverständlich ebenfalls einbezogen..
Da war das nicht sonderlich effiziente Fernmeldewesen nicht unbedingt ein Vorzeigeobjekt. Helmut musste sich einiges anhören.

Georg, der andere der beiden Herren, hatte auch ein Problem, nicht das einzige.
Georg war unter anderem verantwortlich für die Fernmeldeversorgung der Wehrkommandos. Und da gab es Ungemach. Jeder Kreis hatte ein Wehrkreiskommandos und jeder Bezirk ein Wehrbezirkskommando.
Und wie es so ist, nicht nur innerhalb der Wehrkommandos musste telefoniert werden sondnern auch zu anderen Wehrkommandos und zu vorgesetzten Stäben.
Und angerufen wollten die Mitarbeiter der Wehrkommandos auch.
Während die anderen Dienststellen der Nationalen Volksarmee in aller Regel fernmeldetechnisch versorgt waren, galt das nicht für alle Wehrkreis- und Wehrbezirkskommandos. Meistens lag es daran, dass nicht genügend Leitungen von der Deutschen Post zu den Wehr(kreis)kommandos bereitgestellt werden konnten.
Also bekam Georg zu passenden oder unpassenden Momenten auch immer wieder eine diesbezügliche Bemerkung von  'Territorialen' zu hören. Und wie es sich für einen Chef gehörte, gab er das nach unten weiter.
Nun war Georg keinesfalls der Chef, der nun deswegen seine Nachgeordneten 'prügelte', er war viel mehr derjenige, der ein offenes und oft vertrautes Verhältnis zu seinen Untergebenen pflegte.
Es konnte schon geschehen, dass Georg in einem Dienstzimmer erschien, um mit einem Mitarbeiter direkt ein Problem zu erörtern oder mit Mitarbeitern in kleiner 'Runde' zusammen zu sitzen.
Georg hatte neben der nicht immer guten Fernmeldeversorgung der Wehrkommandos noch ein zweites Problem.
Irgendwann war vorgesehen gewesen, in die Nationale Volksarmee einen Richtfunktrupp mit Geräten RVG 924 von Rafena Radeberg einzuführen. Mit Funktrupps wie dem Truppe FK 50 oder den Geräten FK-1 oder FK1-A oder EKD hatte das auch recht gut geklappt
Mit der Einführung des Richtfunktrupps ging es irgendwie schief. Die Richtfunkgeräte waren entwickelt und auch hergestellt worden
Die Erprobungsstellen Niederlehme unterzog mit zwei Herren den Richtfunktruppe einer strengen Erprobung. Das Ergebnis war ernüchternd, die Geräte waren nicht fur den mobilen Einsatz verwendbar. Das war nicht Fröhlich und da half auch kein Zimmermann.
Vielleicht waren ihre Maßstäbe der Erprobungsstelle auch zu hoch. Immerhin hatten andere Richtfunkgeräte aus Radeberg schon im 2.Weltkrieg ihre Bewährungsprobe bestanden. Und das Werk in Radeberg belieferte die Sowjetunion mit Richtfunkgeräten. 
Sei es wie es sei, nun standen die Geräte aus der mißglückten Entwicklung – es waren mehr als einige Dutzend - in Teillagern der Nachrichtentruppen wie Hammer-Unterwiesenthal herum, mussten in gewissen Abständen eingeschaltet und überprüft werden.
Irgendwann kam die zündende Idee: Wie wäre es, wenn mit den herumstehenden Richtfunkgeräten Verbindungen zu den Wehrkreiskommandos hergestellt würden? Die SED hatte das doch gut gepackt! Man müsste doch einmal darüber mit denen reden.

Nun war das Verhältnis zwischen Georg (NVA) und Helmut (SED) nicht unbedingt ein herzliches. Aber wie es so ist, irgendwie kamen sie ins Gespräch. Das will etwas heißen, denn Helmut und Georg sollen sich nicht sonderlich gelitten haben. Helmut soll früher ein Mitarbeiter von Georgs Verwaltung gewesen sein.
Trotzdem, einmal fanden sie sich und stellten fest: Bei etwas gutem Willen könnte man sich doch zusammen tun und wenigsten ein Teil der Probleme beider Herren wäre aus der Welt geschafft.

Gesagt, getan. Die Idee nahm Gestalt an: Das Richtfunknetz der Partei (SED) könnte doch auf der unteren Ebene in den Richtfunkverbindungen zu den Kreisleitungen mindestens einen Fernsprechkanal und einen Fernschreibkanal für die Wehrkreiskommandos zur Verfügung stellen, selbstverständlich nicht kostenlos.
In den Wehrbezirkskommandos könnten Richtfunkendstellen eingerichtet werden. Dazu könnten die Richtfunkgeräte aus den Beständen der NVA genommen.
In der oberen Netzebene könnten die Richtfunkverbindungen verdichtet, auch mit Geräten aus dem Bestand der NVA oder/und aus Beschaffungen.
In jeder Bezirksrichtfunkzentrale müsste  eine Wählvermittlung aufgebaut werden
Die Abteilungen Fernmeldewesen der Partei würde  die Montage der Geräte übernehmen, gegen Bezahlung selbstverständlich.
Die Richtfunkverbindungen der Strecken für die NVA könnten in den technischen Betriebsdienst der Abteilungen Fernmeldewesen übernommen werden..
Die NVA müsste aber ihre Verbi8ndungen selbst überwachen.
Und in etwa zwei oder drei Jahren könnte das Ganze stehen.
Und über den Rest würde man sich schon einig werden.
Zwischen der Verwaltung Nachrichten und der Abteilung Fernmeldewesen 
müsste eine Vereinbarung unterschrieben werden.
So oder ähnlich – lax formuliert – entstand die Idee, ein Richtfunknetz der NVA zu errichten.
So ist es, wenn sich eben zwei Herren im mittleren Alter treffen und jeder seine Probleme gelöst sehen möchte und sieht.
Wie eben Georg so oft sagte, in einem vernünftigen Gespräch zwischen Männern, lassen sich bei guten Willen und wenn jeder etwas davon hat, alle Probleme klären.
Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Nun konnte man eine solch folgen- und millionenschwere Investition nicht einfach als Ergebnis eines Gespräches zweier gegängelter und unzufriedener Herren am Biertisch deklarieren: Das Ganze musste wohl begründet und für alle Seiten zum Vorteil führend herbeigeführt werden.

Nun soll man nicht denken, so etwas wäre unüblich gewesen oder sei unüblich. Manche Dinge kommen zustande, weil beide oder alle Seiten etwas davon haben.

Die Geschichte ist deshalb interessant, weil sie zeigt, wie Entscheidungen zustande kommen können.
Das Ausgangsproblem für die Nationale Volksarmee war wohl die mangelhafte Fernmeldeversorgung der Wehrkreiskommandos. Diesen Mangel hätte auf verschiedene Weise abgeholfen werden können, beispielsweise durch die Verlegung neuer Fernmeldeleitungen.
Dagegen sprachen damals vermutlich zwei Gründe, es gab Engpässe hinsichtlich der Fernmeldekabel und es sollte kurzfristig die Fernmeldeversorgung verbessert werden.
Nun dauerte die Fertigstellung des Richtfunknetzes über fünf Jahre, das ist nun wahrlich keine kurze Frist.

Vermutlich gab es nicht einmal eine tragfähige Erfassung hinsichtlich der mangelhaften Fernmeldeversorgung der Wehrkreiskommandos. Vielleicht betraf es nur drei, fünf oder fünfzig der über zweihundert Wehrkreiskommandos?
Um mit Nobelpreisträger Daniel Kahneman zu sprechen, hier wurde das System 1 genutzt: Es wurden zwei Probleme aus der Welt und mindesten ein Erfolg geschaffen.

An dieser Stelle wäre es ratsam, abzubrechen.


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